Fahrerlose Fahrzeuge können keine Unfälle verursachen – wenn sie den richtigen Standards folgen

Von den Professoren Amnon Shashua und Shai Shalev-Shwartz

Die heute im Straßenverkehr geltenden Regeln orientieren sich in erster Linie an menschlichem Verhalten. Zulassungen, Versicherungen und Verkehrsregeln setzen stets voraus, dass das Fahrzeug von einer Person gesteuert wird.

Die derzeitigen Regelungen und Bestimmungen für den Straßenverkehr stellen Fahrzeuge ohne Fahrer damit vor ein Dilemma: Wie soll entschieden werden, wer die Schuld an einem Unfall trägt? Auf wen sollen Zulassungen und Versicherungen ausgestellt werden? Auf den Besitzer, den Hersteller oder auf das Auto selbst? Wie können autonome Fahrzeuge einerseits und von Menschen gesteuerte Autos andererseits in sicherem Zusammenspiel auf denselben Straßen unterwegs sein? Bevor autonome Fahrzeuge in Serie produziert werden, müssen diese Fragen beantwortet werden.

Viele Menschen äußern sich nach wie vor skeptisch hinsichtlich fahrerloser Fahrzeuge. Autonome Autos werden erst akzeptiert, wenn kein Zweifel mehr daran besteht, dass ihre Nutzung sicherer ist als die Reise in einem herkömmlichen PKW. Wir alle haben schon von Unfällen gehört, an denen auch Fahrassistenz-Technologien einen Anteil trugen. Mitunter konnte in diesen Fällen die Schuldfrage nicht eindeutig geklärt werden – trotz monatelanger Untersuchungen. Solche Begebenheiten bekräftigen die gesellschaftlichen Bedenken in puncto autonomes Fahren.

Je selbstständiger ein Auto ist, desto akuter wird dieses Problem. Heutzutage sterben jährlich mehr als eine Million Menschen durch Verkehrsunfälle. Schon sehr wenige tödliche Unfälle, an denen autonome Fahrfunktionen beteiligt sind, reichen aus, um die Verbreitung dieser potenziell lebensrettenden Technologie signifikant zu verzögern oder sogar permanent zu stoppen. Regierungen auf der ganzen Welt sehen die Notwendigkeit, dies zu verhindern: Deutschland hat beispielsweise als erstes Land weltweit 20 ethische Richtlinien für das autonome Fahren festgelegt. Die Industrie kann ein wichtiger Partner und Ratgeber in Sachen Sicherheit beim autonomen Fahren sein.

In einem wichtigen nächsten Schritt gilt es, gemeinsame Standards zu entwickeln, die die Schuldfrage bei Unfällen eindeutig klären. Dieses Bestreben gewinnt weiter an Bedeutung, wenn es unweigerlich zu den ersten Unfällen zwischen autonomen Fahrzeugen und vom Menschen gesteuerten PKWs kommt. Klare Regeln für die Schuldzuweisung sind essentiell. Die für die Entscheidungsfindung eingesetzte Software eines autonomen Fahrzeugs (z.B. die sogenannte „Driving Policy“) kann darauf programmiert werden, vordefinierten Standards zu folgen. In diesem Fall verursacht ein autonomes Fahrzeug keinen Unfall mehr, der auf einen Fehler im System zurückzuführen ist. Unser Vorschlag für ein „Responsibility Sensitive Safety“(RSS) Modell, welches im englischsprachigen Whitepaper „On a formal model of safe and scalable self-driving cars” veröffentlicht wurde, stellt einen möglichen Ansatz zur Etablierung sicherer Standards dar.

RSS ist ein formales, mathematisches Modell, das spezifische und messbare Parameter für das menschliche Konzept von Verantwortung und Vorsicht beschreibt und diese Größen auf das Verhalten selbstfahrender Autos überträgt. Das Modell definiert einen sicheren Zustand (“Safe State“), in dem das Fahrzeug keinen Unfall verursachen kann – unabhängig von dem Verhalten anderer Fahrzeuge. Einen Rahmen zu schaffen, in dem die Schuldfrage eindeutig geklärt werden kann, ist von elementarer Bedeutung für die Entwicklung hin zum autonomen Fahren. Ein verantwortungsvoller, umsichtiger Fahrer wird mit sehr großer Wahrscheinlichkeit selbst keinen Unfall verursachen, besonders wenn er/sie, wie ein autonomes Fahrzeug, über 360-Grad Rundumsicht und blitzschnelle Reaktionszeiten verfügt. Dennoch kann auch der beste Autofahrer keinen Unfall verhindern, der durch äußere Umstände oder andere Verkehrsteilnehmer ausgelöst wird. Das RSS Modell definiert, was eine sichere Fahrweise ausmacht und verhindert, dass selbstfahrende Autos die Regeln der sicheren Fahrt verletzen.

Anhand eines Auffahrunfalls lässt sich die Funktion des RSS Modells illustrieren: Wenn zwei Fahrzeuge hintereinander auf derselben Spur fahren und das hintere Auto auf das vordere auffährt, gilt der hintere Fahrer in der Regel als der Unfallverantwortliche. Denn meistens werden Auffahrunfälle durch zu geringen Sicherheitsabstand zum vorausfahrenden Fahrzeug verursacht. Bei einem autonomen Auto, das dem RSS Modell folgt, ist ein solcher Unfall ausgeschlossen. Durch die Verwendung einer Software, die alle Handlungen des Wagens mit umfassenden Informationen zu möglichen Fahrszenarien und Verantwortungsregeln abgleicht, berechnet das autonome Fahrzeug selbstständig den richtigen Sicherheitsabstand und bleibt ausnahmslos im vorab definierten „Safe State“.

Beim RSS Modell sammeln die Sensoren des autonomen Fahrzeugs eindeutige Informationen über alle Fahrvorgänge und speichern diese dauerhaft. Das Funktionsprinzip ähnelt der „Black Box“ eines Flugzeuges. Bei einem Unfall können die gesammelten Informationen schnell ausgelesen und zur Klärung der Schuldfrage verwendet werden. Voraussetzung ist, dass es eine mathematische Definition von schuldhaftem Verhalten gibt, mit der man die Daten abgleichen kann. Dieses Verfahren könnte durch industrielle Standardisierungsorganisationen und zuletzt auch durch Aufsichtsbehörden offiziell festgelegt werden. Schließlich kann es auch als Grundlage für die Erstellung von Versicherungspolicen und die Festlegung von Verkehrsregeln dienen.

Es gibt kaum einen Zweifel daran, dass Maschinen bessere Fahrer sein werden als Menschen. Dennoch besteht das Risiko, dass autonome Fahrzeuge niemals ihr lebensrettendes Potenzial entfalten können, wenn wir uns nicht auf klare Sicherheitsstandards einigen. Wir sind überzeugt davon, dass selbstfahrende PKWs an einen solchen Standard gebunden werden können und auch müssen. Die Zeit um diesen Standard zu entwickeln ist jetzt.

 

Dieser Artikel wurde am 18. Oktober 2017 im US Medium The Hill veröffentlicht.

Amnon Shashua ist CEO und CTO von Mobileye, einer Tochtergesellschaft von Intel. Mobileye wurde 1999 gegründet. Ziel der Firma ist es, die Sicherheit im Straßenverkehr zu erhöhen, Staus zu vermindern und Leben zu retten. Shashua hat den Sachs-Lehrstuhl in Informatik an der Jüdischen Universität in Jerusalem inne. Er ist außerdem Senior Vice President der Intel Corporation.

Shai Shalev-Shwartz ist Vice President of Technology bei Mobileye. Shalev-Shwartz besetzt zudem eine außerordentliche Professur an der Rachel and Selim Benin School of Computer Science and Engineering der Jüdischen Universität in Jerusalem. Zuvor bekleidete er eine Forschungsprofessur am Toyota Technological Institute in Chicago. Außerdem arbeitete er für Google und IBM Research.